Ruth Broeckmann –10 Jahre Textile Arbeiten 2002-2012

 

Quiltkünste sind Kunstquilts und führen heute ein Dasein fernab von afrikanischen Applikationen mit Geheimsprache oder warmen Decken religiöser Gruppen aus den USA, von gesteppten Gehröcken und Schlafmänteln aus dem 18.Jh. oder von viktorianischem Crazy-Patchwork.

Grundsätzlich bestehen (fast) alle Quilts aus zwei bis drei Lagen (Top, Batting, Backing), von denen die oberste Lage, das Top, oft aus Patchwork besteht, also aus kleinen Teilen zusammengesetzt ist. Die mittlere Lage, das Batting, erzeugt Volumen und eine gewisse Dreidimensionalität. Das Backing, wie der Name sagt, die Rückseite, deckt die mittlere Lage ab und verhilft zu zusätzlicher Stabilität. Die verschiedenen Lagen werden dann durch Garnstiche (Zierstiche) miteinander verbunden (das Quilting).

Die Quiltkunst etabliert sich in der heutigen Kunstszene als eine eigene Stilrichtung innerhalb der Angewandten Kunst. Durch die große Formen- und Materialvielfalt steht die Quiltkunst, die bis heute weltweit verbreitet ist, der zeitgenössischen Kunst nahe. Internationale Quilt - Ausstellungen belegen dies.

Mandala

Arabeska

Die Künstlerin und Textildesignerin Ruth Broeckmann steht mit ihren künstlerischen Arbeiten zwischen `frei` und `gebunden`. Einerseits erfüllt ihre angewandte Kunst einen Zweck, ist dekorativ und wärmende Decke, andererseits aber handelt es sich um Objekte der Kontemplation, die nicht zweckbestimmt, sondern die Rolle eines künstlerischen Objektes erfüllen.

So sind auch die Form– und Farbgestaltung der Textilarbeiten erst einmal weitab von der „Nutzung“ zu betrachten. Es geht hier vielmehr um Interpretationen einer künstlerischen Umsetzung, eines bestimmten Anliegens, einer Botschaft mit bestimmter Wirkung auf den Betrachter und um die eigene Handschrift, die Authentizität der Künstlerin.

Ruth Brockmann bewegt sich frei zwischen ethnologischen Motiven, historischen Ornamenten und modernen Symbolen, zwischen floralen Elementen und gegenstandsloser abstrakter Malerei.

Afrika

Schon Quilt-Titel wie „vertigo“ verweisen, in Erinnerung an den berühmten Hitchcock Film, in die fünfziger Jahre. Hier verarbeitet die Künstlerin originale Stoffe aus der Zeit, die im Gesamtwerk an die Informelle Malerei erinnern. Abstrakt und ungebunden steht diese Kunstrichtung dem Konservatismus der 50er Jahre konträr gegenüber und steht für einen revolutionären Neuanfang.

Fifties

In der „boogie–Serie“, die summarisch eine Figur in verschiedenen Bewegungen zeigt, wird deutlich, wie durch eine Reduzierung von Formen und Farben der Gehalt des Motivs gesteigert werden kann. Die Titelgebung in Verbindung mit den „Verrenkungen“ der kleinen Figur lösen beim Betrachter positive Assoziationen aus und führen zum Schmunzeln.

Boogies

In „anamas“ und „funfun“ stehen zwar florale Elemente im Vordergrund, werden jedoch durch farbexplosive Flecken, die teilweise an Tuschelavierungen erinnern, in einen spannungsreichen Kontext gezogen. Das Lineare integriert Ruth Broeckmann mittels feiner, gesteppter Linien, die das Motiv konkretisieren und den Bezug zur Natur herstellen. Wie in der Handzeichnung auch wird die Linie in ihrer Eigenständigkeit erkannt und durch das Sticken mit einem Faden oder durch Farbauftrag mit dem Pinsel konsequent eingesetzt. Neonfarben in ihrer ganzen Leuchtkraft unterstreichen die intuitive gestische Arbeit der Künstlerin.

Flores

Mirandolas

Teatro

Aus dieser Serie gibt es auch einige sog. „Wholecloth- Quilts“, bei denen die Topseite aus einem einzigen Stück besteht. In diesem Fall spielen die bildhaften Linien, die beim quilten entstehen, die wichtigste Rolle.

Kunst zum Benutzen“ nennt die Künstlerin Ruth Broeckmann ihre Quilts, die sich in ungewöhnlicher Vielfalt präsentieren. Ihre textilen Arbeiten zeichnen sich durch eine phantastische Kreativität, durch technische Raffinesse, besondere Geschicklichkeit, aber auch durch einen zeitgenössischen Anspruch aus, getragen von einer kunstvollen Materialästhetik.

 

Dr. Cornelia Schertler

Kunsthistorikerin